Interview mit Jürgen Michael Schick

In deutschen Ballungsgebieten herrscht Wohnungsknappheit. Die Schaffung von mehr Wohnungen durch Gesetzesänderungen und Ausweisung von zusätzlichem Bauland könnten das Problem entschärfen. Wir sprachen mit Jürgen Michael Schick, Präsident des IVD Bundesverbandes, was man gegen den aktuellen Wohnraummangel und den unzureichenden Wohnungsneubau tun könnte.

Herr Schick, inwiefern äußert sich denn in den deutschen Großstädten eine Wohnungsknappheit?

Bereits vor der Zuspitzung des Flüchtlingsaufkommens in Deutschland zeichnete sich in den Ballungszentren eine Verknappung des Wohnraumes ab. Nicht zuletzt deshalb hat die Bundesregierung die Einführung der Mietpreisbremse beschlossen, die jedoch, wie wir ja jetzt unter anderem in Berlin sehen, überhaupt keinen Effekt hatte. Mit den steigenden Flüchtlingszahlen hat sich diese Entwicklung noch einmal verstärkt. Eine hohe Nachfrage trifft auf ein sich zunehmend verknappendes Angebot und lässt die Preise steigen.

Steigende Preise sind ja zunächst nichts Negatives an sich. Wo liegt also das Problem?

Konkretes Problem bei dieser Entwicklung ist der fehlende Neubau. Investitionen in den Neubau müssen sich ja auch lohnen. Astronomisch steigende Mietpreise, die kaum noch Steigerungspotenzial bieten, sind nicht der richtige Anreiz, neuen Wohnungsraum zu schaffen. Dabei ist der Bedarf unheimlich groß. Eine aktuelle Studie der Universität Freiburg, die vom IVD in Auftrag gegebenen wurde, zeigt deutlich, dass die bisherigen Prognosen zum Neubaubedarf viel zu passiv waren. Das Bundesbauministerium geht bislang davon aus, dass in Deutschland pro Jahr 350.000 neue Wohnungen gebraucht werden. Tatsächlich müssen bis 2020 aber gut 494.000 Wohnungen jährlich neu entstehen. Die Bundesregierung unterschätzt den jährlichen Neubaubedarf somit um fast 150.000 Wohnungen.

Was muss aus Ihrer Sicht getan werden?

Zunächst muss ganz klar betont werden: Es besteht akuter Handlungsbedarf. Schließlich hinkt der aktuelle Wohnungsneubau einem enormen Bedarf noch weit hinterher. Im vergangenen Jahr wurden 309.000 neue Wohnungen genehmigt. Das sind 191.000 Wohnungen zu wenig, wie sich jetzt herausstellt. Darüber hinaus setzt die Politik anstatt auf effektiven Neubau allzu oft auf die schlichte Wiederbelebung des sozialen Wohnungsbaus. Anstelle von ursprünglich geplanten 518 Millionen Euro will Bauministerin Barbara Hendricks bis einschließlich 2019 über eine Milliarde Euro, vielleicht sogar zwei Milliarden Euro pro Jahr in den sozialen Wohnungsbau fließen lassen.

Und das ist falsch?

Ja, denn der Wohnungsneubau bleibt nicht aufgrund mangelnden Kapitals stecken. Vielmehr scheitert er daran, dass viel zu wenig Bauland ausgewiesen wird. Während die Nachfrage auf dem deutschen Wohnimmobilienmarkt über die vergangenen fünf Jahre hinweg immer weiter nach oben geklettert ist, wurden in den deutschen Ballungsräumen kaum mehr neue Bauflächen ausgewiesen als zuvor. Es muss also dafür gesorgt werden, mehr Bauland aus-zuweisen, um effektiven Neubau zu gewährleisten.

Es muss also mehr gebaut werden, um die Wohnungsknappheit zu bekämpfen?

Dass mehr gebaut werden muss, steht außer Frage. Entscheidend ist aber vor allem das ‚Wo?‘ und ‚Wie?‘. In vielen Innenstadtlagen gibt es nur noch vereinzelt freie Flächen. Eine Änderung der Baunutzungsverordnungen, die Aufstockungen und Nachverdichtungen erlaubt, könnte dort dringend benötigten Wohnraum schaffen. Dazu braucht es jedoch einen Wandel in der Politik, der weg von der „Wir-schaffen-das-irgendwie-Politik“ und hin zu einer handfesten Strategie führt.

Was muss die Politik tun?

Statt den dringend erforderlichen Neubau durch Mietpreisdeckelungen wie die Mietpreisbremse zu verhindern, sollte die Politik neben Gesetzesänderungen auch die Schaffung von steuerlichen Anreizen bedenken. Ich denke, eine steuerliche Förderung des Wohnungsbaus wird sofort gebraucht, um die derzeitige Wohnungsknappheit zu beenden. Der Bedarf an erschwinglichem Wohnraum kann nur durch den Bau zusätzlicher Wohnungen durch private Investoren gedeckt werden. Dafür müssen jedoch Anreize geschaffen werden. Eine steuerliche Förderung lohnt sich auch für den Staat. Die dadurch ausgelösten Investitionen werden um ein Vielfaches höher sein, als der von Kritikern und Neidern befürchtete Verlust an Steuereinnahmen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schick!