„Beschränke alles auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Poesie. Halte die Dinge sauber und unbelastet, aber lasse sie nicht steril werden“, definiert Buchautor Richard R. Powell jene ästhetische Grundhaltung aus Japan, die nach den skandinavischen Lifestyle- und Wohntrends wie Hygge oder Lagom im vergangenen Jahr als Einrichtungstrend auch in den mitteleuropäischen Wohnbereich Einzug gehalten hat.

Bei „Wabi Sabi“ handelt es sich sich jedoch weder um eine konzeptionelle Einrichtungslinie noch eine eigens definierte Kunstgattung. Vielmehr signalisiert Wabi Sabi ein ästhetisches Konzept aus dem Land der aufgehenden Sonne.

Wabi Sabi beschäftigt sich mit der Ästhetik der Klarheit, Schönheit des Unperfekten wie der Unvollkommenheit. Der Ursprung dieses Bewusstseins wurzelt im Zen-Buddhismus und findet unter anderem in der japanischen Teezeremonie, in japanischen Gärten oder der japanischen Kunstform des Blumenarrangierens (Ikebana) Vermittlung und visuellen Ausdruck.

Neuerdings wird der Begriff häufig mit Architektur, Kunst und vor allem mit Wohndesign in Zusammenhang gebracht. Bei der Übertragung dieser traditionsreichen japanischen Gesinnung in die eigenen vier Wände steht das Wohlfühlen an erster Stelle.

Wabi Sabi steht für Schlichtheit, einfache organische Formen oder Asymmetrie und findet seine Perfektion in der Unvollkommenheit der Einrichtungsgegenstände. „Wabi Sabi zeigt, dass es die Asymmetrie und Natürlichkeit sind, die die eigenen vier Wände zu einem Zuhause machen. Es sind organische Formen und die scheinbar wertfreien, bescheidenen Dinge, die für Harmonie und Wohlfühlcharakter sorgen“, beschreibt der Wohndesign-Versand Connox auf seiner Online-Plattform.

In den Wohnräumen lässt sich diese Lebenseinstellung mit dem Verzicht auf bloßen Konsumrausch, der Rückbesinnung auf die Natur und dem Wertschätzen bereits vorhandener und möglicherweise von Generation zu Generation tradierten Accessoires oder Einrichtungsgegenständen erkennen. Ein Rundgang durch den Keller oder auf dem Dachboden lässt uns vielleicht auf verstaubte, aber hochwertige Erbstücke stoßen, die nun wiederentdeckt und mit aufgrund ihrer Originalität in den Wohnbereich integriert werden wollen. 

Ein Wohngefühl nach dieser in Japan seit Jahrhunderten etablierten Ideologie entsteht durch sanfte Naturtöne, klare, puristische Formen und dezente Farbkombinationen. Weiß, Creme, Grau- wie auch Erdtöne, Rosé oder Pastell sind zeichnende und natürliche Farbnuancen an den Innenwänden. Für Einrichtungsgegenstände und die Wohnraumausstattung werden vorwiegend natürliche Materialien wie Holz, das seine individuelle Maserung beibehalten hat, Leder, Marmor mit unterschiedlichen Linien und Konturen aber auch Beton verwendet. Keramik für das gesamte Tee Set, Leinen, Baumwolle, Jute und Teppiche in sanften Tönen untermauern den gemütlichen Einrichtungstrend, der unser Zuhause zu einem warmen Rückzugsort von Hektik und Alltagsstress werden lässt.

Kratzer, Risse oder Gebrauchsspuren an Möbelstücken erzählen den Betrachtern möglicherweise von einer langlebigen Geschichte eines Gegenstandes. Naturgegebene Strukturen an der Oberfläche eines Einrichtungsstückes werden beibehalten. Natürlichkeit und Authentizität stehen im Vordergrund. Erst durch Imperfektion und Spuren der Vergänglichkeit erzeugen Gegenstände Perfektion, verströmen Einzigartigkeit und schärfen den Blick auf die Patina, die ein Einrichtungsstück im Laufe der Jahre erreicht.

In der Designrichtung nach Wabi Sabi-Kriterien wird nicht vorgeschrieben, wie eine Sache zu sein hat oder erscheinen soll. Ecken und Kanten, ungenaue Linien, markante, spezielle Merkmale, Abnützungen, unterschiedlich gezeichnete Oberflächen in Naturmaterialien und organische Formen bei Accessoires untermauern diesen Wohn- und Lebensstil.

Funktion, Reduktion, Mini- und nicht Maximalismus sowie die Rückbesinnung auf das Wesentliche fernab wohnlicher Überfrachtung beschreiben diesen eleganten Stil. Weiche Stoffe und Gewebearten für Teppiche, Bestuhlung, Kissen und Plaids, helle Farbtöne und warme Nuancen im gesamten Wohnbereich sorgen gemäß Wabi Sabi für ein angenehmes Wohnempfinden, in dem Naturmaterialien wie Keramik und Holz eine große Rolle spielen.

Nach dem Motto „Weniger ist mehr“ und viel freier Fläche ermöglicht das Wohnkonzept in Anlehnung an die japanische Tradition Entspannung für Körper und Geist. „Edle Einfachheit als höchste Tugend“ lautet die entsprechende Beschreibung von Autor Andrew Juniper in seinem Buch über „Wabi Sabi“. Leonard Koren legt in seinem Autorenwerk „Wabi Sabi für Künstler, Architekten und Designer. Japans Philosophie der Bescheidenheit“ dar, die sich durch Schlichtheit, Eleganz, Understatement wie den Blick auf das Wesentliche auszeichnet.